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Coronavirus: Risikogruppe Mensch mit Behinderung

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Es wird nun zu Solidarität aufgerufen in Deutschland. Jede*r Einzelne habe die Verantwortung sich zu schützen, um das Coronavirus nicht zu übertragen. Vor allem nicht an Menschen, die besonders gefährdet sind, wie Menschen mit Behinderung und chronischen Erkrankungen. Doch wie erleben sie die Situation, samt der Einschränkung sozialer Kontakte? Wir haben Links, barrierefreie Hintergrundinformationen und Anlaufstellen zusammengefasst.

Wer besonders gefährdet ist

Laut Mediziner*innen sind vor allem Senior*innen ab 50 – 60 Jahren gefährdet, aber auch jüngere Menschen, die mit chronischen Erkrankungen oder Behinderungen leben. Das Virus ist besonders gefährlich, wenn Organe wie Herz und Leber und das Immunsystem (u.a. durch Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme) geschwächt sind. Darüber hinaus sollen sich Patient*innen mit zum Beispiel Atemwegserkrankungen (wie Asthma oder chronischer Bronchitis), geschwächter Atmung infolge von Muskelerkrankungen, Diabetes mellitus und Krebserkrankung schützen.

Risikopersonen wird geraten, sich nur im Notfall (und nicht für Routine-Untersuchungen) in ein Krankenhaus zu begeben, um eine Ansteckung zu vermeiden. Fachärzt*innen warnen davor, dass Notfallmediziner*innen in den Rettungsstellen nicht mit der Person mit Behinderung umzugehen wissen. Es empfiehlt sich daher im Notfall eine Klinik aufzusuchen, die sich mit der Behinderung auskennt. Der Impfstatus sollte vor allem bei Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen überprüft werden auf die Influenza-Impfung und eventuell Keuchhusten- und Pneumokokken-Impfungen, wobei letzterer Impfstoff bereits knapp geworden sei. Beatmungspatient*innen, die einen Cough Assist und/oder einen Inhalator besitzen, wird nahegelegt, diese vorsorglich regelmäßig zu nutzen. 

Schon länger zu Hause

Die Vorstellung wochenlang soziale Kontakte zu meiden, bereitet vielen Menschen Sorge. Da Menschen mit Behinderungen in der Regel gefährdeter sind als andere, haben viele bereits frühzeitig ihre sozialen Kontakte eingeschränkt. Sie wägten früher als die Mehrheitsgesellschaft ab, ob das Risiko, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, der Theater-, Party- oder Kneipenbesuch wirklich gerade so wichtig oder auch nur das Einkaufen notwendig sind. Mal eben noch die Reise antreten, ist zu gefährlich, weil in der Bahn oder im Flieger Viren lauern können. Im Falle einer Quarantäne oder Flugsperre hätte man eventuell keinen Zugang zu der notwendigen medizinischen Betreuung. Ohnehin empfiehlt die DGM (Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke) Patient*innen mit neuromuskulären Erkrankungen zu Hause zu bleiben.

Gerade jetzt ist es besonders wichtig, dass Menschen mit Behinderung die Möglichkeit für individuelle Lösungen geboten wird. Ob zum Beispiel Homeoffice möglich ist, hängt von dem/der jeweiligen Arbeitgeber*in ab. Menschen mit Behinderung sind damit noch stärker abhängig, dass das Risiko (an)erkannt wird und sie als Arbeitnehmer*innen unterstützt werden. Während im ganzen Land Kindergärten, Schulen und Freizeitangebote geschlossen werden, bleiben Werkstätten für behinderte Menschen und Wohngruppen geöffnet. Hier gibt es keine Pandemiepläne und Menschen mit Behinderung werden einem erhöhten Risiko ausgesetzt. 

Auch die Situation von Unterstützer*innen von Menschen mit Behinderung, wie Werkstattmitarbeiter*innen und Schulhelfer*innen, kann sich verschlechtern, wenn Anträge auf Quarantäne nicht rechtzeitig bearbeitet und kein finanzieller Ausgleich geschaffen wird. Dies wirkt sich langfristig negativ auf die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung aus. 

Co-Risikogruppe: Assistenz und Familie

Sind Menschen auf Assistenz angewiesen, haben sie zwangsläufig engen Kontakt mit anderen Menschen. In einem gewissen Maß kommen sie also um eine mögliche Ansteckung nicht herum. Persönliche Assistent*innen und Pflegende tragen die Verantwortung dabei sich zu schützen – und müssen im Ernstfall ebenso mit in Quarantäne, wenn es zu einer Infizierung kommt. 

Auch der*die Partner*in und die Familie gehören zur Co-Risikogruppe, da sie sich ebenfalls für die gefährdete Person stärker schützen müssen, und um nicht durch Quarantäne getrennt zu werden. Hinzu kommt die Sorge um die behinderte Person, die aber gleichzeitig zur Last der behinderten Person werden kann. Tue ich genug, um mich zu schützen? Kann ich dieses eine Treffen noch wahrnehmen oder ist das schon zu gefährlich? Umso wichtiger ist es, das Umfeld aufzuklären. Assistent*innen sollten das jeweilige Risiko kennen, auf die Hygieneregeln achten und Menschen mit Behinderungen sollten ihnen Prozesse und Ansprechpersonen für den Ernstfall mitteilen.

Mangel an Desinfektionsmitteln und Medikamenten

Einen kleinen Notvorrat an Lebensmitteln und Medikamenten haben sich Menschen mit Behinderungen für den Fall der stärkeren Isolation bestenfalls schon zugelegt. Aufgrund der Hamsterkäufe fehlen vielerorts Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel oder werden bei Internetanbietern zu völlig grotesken Preisen angeboten. Auch Krankenhäuser blieben von der Panik nicht verschont: Aus einer Kinderintensiv-Station wurden bereits Desinfektionsmittel geklaut. Absurderweise werden Atemmasken nun vermehrt in Behindertenwerkstätten produziert.

Nicht alle gleich informiert

Als die ersten Informationen an die Bevölkerung formuliert wurden, wie sie sich selbst vor dem Coronavirus schützen können, waren teilweise Informationen nicht barrierefrei. Die Notfall-Nummern wurden auf Social Media über Share-Pics geteilt, die aber blinde Menschen nicht auslesen können. (Auf Twitter kann man Alternativtexte zu Bildern erstellen oder direkt Nummern in den 280 Zeichen angeben.) Gehörlose Menschen beschweren sich, dass Pressekonferenzen nicht in Gebärdensprache übertragen wurden und starteten eine Petition. In anderen Ländern – wie etwa Spanien –  werden offizielle Informationen mit Gebärdensprache übertragen.

Dass es auch anders geht, zeigt der NDR-Podcast mit dem Charité-Virologen Christian Drosten. Dieser ist nicht nur in der Hörversion, sondern auch mit einem Transkript für schwerhörige / gehörlose Menschen versehen. Auch der MDR hat für Menschen, die Probleme mit der deutschen Sprache haben, Informationen in Leichter Sprache bereitgestellt (Weitere Infos hält die Lebenshilfe bereit.) Laut EU-Richtlinie müssten bei Katastrophenfällen Medien barrierefrei zugänglich sein. Es könnte Medien ebenso geraten werden eher neutral mit praktischen Tipps als panikschürend zu informieren, um vor allem auch angstanfällige Menschen nicht zu strapazieren.

Solidarität in der Nachbarschaft

Mit dem Corona-Shutdown vieler deutscher Städte wird sich zeigen, wie stark die Solidarität in unserer Gesellschaft ist. Ob es mehr Menschen gibt, die mit der Angst Geld machen, seien es findige Geschäftsmenschen oder Kriminelle, oder aufeinander aufpassen z.B. in Sachen Hygiene, Unterstützung, Finanzierung. Ob Menschen sich anfeinden, wie im Rassismus gegen Chines*innen deutlich wird, oder sich wieder neu begegnen. Bereits vor Beginn der Shutdowns wurden Nachbarschafts-Initiativen gegründet, die u.a. Einkäufe und Betreuung anbieten: vom Bürgerportal für Nachbarschaftshilfe, dem Hilfsportal Quarantäne Helden, über ein Plakat zum Nachmachen bis zu Twitter-Hashtags wie #Nachbarschaftschallenge. 

Berichten die Medien von Todesfällen folgt häufig der Zusatz, die Person war entweder alt oder hatte eine Vorerkrankung. Doch was sagt dieser Zusatz über den Wert eines Menschenlebens aus? Aus Italien wird über tragische Zustände berichtet, in denen die wenigen verfügbaren Beatmungsgeräte eher an Menschen mit höherer Überlebenschance gegeben werden. Bleibt zu hoffen, dass Deutschland von den Nachbarländern lernt.

Überdenken einer Leistungsgesellschaft

Was viele Menschen mit Behinderung schon oft erlebt haben, ist die Exklusion von der Gesellschaft, weil sie keine barrierefreien Arbeitsplätze finden oder das Kultur- und Sportangebot nicht zugänglich ist. Jetzt werden der nichtbehinderten Mehrheitsgesellschaft ähnliche Zugänge verwehrt. Eine Leistungsgesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten bestimmt, wie die Zugänge zu der Gesellschaft geregelt werden – und wir haben es hingenommen, solange wir Teil davon waren.

Was früher manche aufgrund der Behinderung als Nachteilsausgleich erhielten – z.B. im Homeoffice zu arbeiten – ist nun für alle von enormer Relevanz. Wir können darüber nachdenken, wie wir an einer Inklusiven Gesellschaft arbeiten können, die viel mehr Zugänge schafft, als verwehrt. Eine Gesellschaft, die Empathie dafür zeigt, dass nicht alle Menschen im gleichen Maße daran teilnehmen können, und Behinderung endlich als gesamtgesellschaftliches Phänomen begreift, das es zu überwinden lohnt. Denn in ein paar Wochen werden wir alle wieder zur Arbeit, in Bars, Clubs, zum Sport und ins Kino gehen, aber es wird weiterhin Menschen geben, die von dieser Teilhabe ausgeschlossen werden. Jetzt ist der Moment darüber nachzudenken, wie wir alle an einer inklusiven Gesellschaft teilnehmen können und nicht nur die “gesunden”, nicht-behinderten Menschen.

Und nach dem Nachdenken folgt dann das Handeln.